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Prof. Dr. Herbert Schindler (verstorb. 2007)
FRAUEN UND GESPENSTER
Walter Schnackenberg zum 100. Geburtstag. München 1980.

"In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg war Schnackenberg einer jener Künstler um die die Kunststadt München beneidet wurde. Mit ihm hatte sich München einen weltläufigen Akzent zugelegt, der ihrer nachwirkenden bäuerlichen Schwere und ihrer fast angeborenen bürgerlichen Unfähigkeit zur Eleganz im besten Sinne entgegenwirkte. Schnackenberg war ein Künstler, der die angestrebte Urbanität nach außen signalisierte. Er bewirkte durch eine Reihe großartiger Plakate, daß das künstlerische "Image" Münchens nicht völlig hinter dem Berlins und anderer Weltstädte zurücksank...
Das heutige München, das im Stadtmuseum am Jakobsplatz einen großen Teil seiner Werke bewahrt, hat Grund, ihm dankbar zu sein. Denn Schnackenberg fing in seinen Plakaten und Zeichnungen Münchens besondere Atmosphäre ein und gestaltete sie durch die ihm eigene Eleganz - die Eleganz der Zwanziger - zu etwas atmosphärisch Neuem."


Friedrich Bohne
im Katalog der Ausstellung WALTER SCHNACKENBERG
Kritische Grafik im Wilhelm-Busch-Museum Hannover vom 22.08. bis 31.10.1965

"Sie nannten ihn in den zwanziger und dreißiger Jahren gern den Münchener Toulouse-Lautrec. Er selber legte auf diese von Äußerlichkeiten bestimmte Umschreibung eines Tuns gewiß nicht den geringsten Wert. Was bedeutete es schon, wenn man ihm gönnerhaft bescheinigte, wie nachhaltig und tief in Paris ums Jahr 1908 die Begegnung mit dem Werk des großen Franzosen auf die Themenwahl seiner Bilder und Plakate eingewirkt hatte, zu einer Zeit, da ein drohender großer Weltenbrand sowie aufs neue und mit geänderten Vorzeichen nach vier bitteren Jahren das Bewußtsein, die Katastrophe überlebt zu haben, die Menschen einem berauschenden Diesseits
in die Arme trieb.

Walter Schnackenberg, Sproß einer begüterten Hannoveraner Beamtenfamilie, aus der Art geschlagen, Träumer und Rebell zugleich, Schüler des um die Jahrhundertwende hochangesehenen Mitgründers der Münchener Sezession, Franz Stuck; im gleichen Jahr geboren wie Picasso, den er durch Vermittlung Fritz von Uhdes in Paris kennenlernte.

Walter Schnackenberg dankte der Zeit, die er in Frankreichs Hauptstadt zubrachte, vor allem den offenen Blick in die Unter- und Hintergründe unseres Seins. Dieser bestimmte die Inhalte der vielen Plakate, die der junge Künstler aus dem deutschen Norden — oft uneigennützig — schuf, um tänzerischem Nachwuchs auf die Beine zu helfen; er stand Pate beim Entwurf der Figurinen und Dekorationen für die Tanzbühne, für das große Varieté und für die prächtigen Redouten der Zeit nach dem Ersten Weltkriege; er endlich bewirkte ein Menschenalter später, nach einer zweiten deutschen Katastrophe, den großen Überdruß — die Umkehr im Spätwerk.

Der Name Schnackenberg galt viel, speziell in München, in den Jahren nach 1918 — und selbst nach 1933, obwohl der Münchener Gauleiter Wagner seine Gemälde höchstselbst von den Ausstellungswänden nahm, weniger weil die Handschrift, wohl aber weil die vorbehaltlos erfaßten
Inhalte zu den neuen politischen Zielen nicht recht passen wollten. Der Plakatkünstler Schnackenberg stand indessen unangefochten im Register der bedeutenden Gebrauchsgrafiker unseres Jahrhunderts. Er war es übrigens auch, der in München den hochbegabten Eric Charell, den »Max Reinhardt der Revue«, den Schöpfer des Films »Der Kongreß tanzt«, entdeckt hat. Was der mit fast medialem Ahnungsvermögen begabte Niedersachse im Auffinden kostbarer alter Kunst vollbrachte, hat sich weniger öffentlich ausgewirkt, wohl aber die Grundlage für ein von materiellen Rücksichten freies und oft auf lange Zeit unterbrochenes Malen und Zeichnen abgegeben.

Es sah mitunter so aus, als sei er ein Lebenskünstler par excellence. Er ließ sich tragen und beflügeln — wie es die Stunde bot. Den politischen Betrieb nach 1933 erkannte er beizeiten als eine Fahrt in den Abgrund. Die innere Emigration, kaum getarnt durch gelegentliche künstlerische
Beiträge zum gesellschaftlichen Leben und zu den großen Ausstellungen, war für ihn unvermeidlich geworden. Nie veröffentlichte und sorgsam verborgen gehaltene politische Karikaturen, in der Bergeinsamkeit des Hauses am Fuße des Wank oberhalb Partenkirchens in Bleistift ausgeführt,
legen Zeugnis ab von einer wachsenden Verbitterung. Der Sechziger versuchte sich in einer Sprache, die er bisher noch nie hatte sprechen müssen. Ein Übergang.
Was er in dem Atelier in der Amalienstraße in München damals noch an Gemälden schuf und hängen ließ, ging mit der Behausung unter, die 1944 im Bombenhagel niederbrannte.

Es hat Jahre gedauert, bis Schnackenberg den Schock überwand. Ein neues Atelier in der Kaulbachstraße wurde zugleich mit dem Haus in den Bergen Schauplatz eines späten Anlaufes, eines Alterslaufes ohnegleichen. Zwischen 1948 und 1960 entstanden weit über tausend große lavierte Federzeichnungen: in einer altmeisterlich strichelnden, tüpfelnden Manier mit unendlichem Fleiß geformte Arbeiten — vorgetragen mit dem nur dem hohen Alter eigenen Willen zu letzter Klarheit und Eindeutigkeit. Nulla dies sine lineal. Es verging keine Stunde, ohne daß er seine Linien niederschrieb, teils mit dem Bleistift auf dem gewöhnlichsten Papier suchend, notierend und skizzierend, teils bis tief in die Nächte hinein, formend, vollendend mit der Zeichenfeder, dem spitzen Pinsel und der zärtlich, verführerisch und gefährlich lavierenden Aquarellfarbe. Dies war sein Pandämonium, und es hatte seit dreißig Jahren seine Inhalte kaum wesentlich geändert — aber die Sicht auf der anderen Seite des Berges war nun gründlich eine andere geworden. Was ihn einst verzaubert hatte, entpuppte sich jetzt, da er es wiederum und schärfer als je ins Auge faßte, als fauler Zauber, morsche Grundlage unseres so selbstgefälligen Seins und Wesens: eine Welt, in der die Verbindung von Mensch und Tier harpyienhaft vielgestaltig herumgeistert, Sinnbild des wahrhaft Bösen, Fragwürdigen, Schöner Schein, als der Wahrheit Ziel und Ende.

 

Dem Künstler, der einst dem Schleier der Maja zwar nicht blind vertraute, wohl aber sich willig immer wieder von ihm entrücken ließ in eine geliebte Traumwelt, wurde eine Welt zuschanden. Er baute sich nun aus den Trümmern eine neue auf — aber die Bausteine saßen anders, als sie
einst gesessen hatten. Der Schleier blieb, aber er wurde transparenter, das darunter liegende Fleisch fragwürdiger, das tragende Gerüst morscher ...

Er selber sah es als Zeichen einer entgötterten, aus den Fugen geratenen Welt, in der er mit vielen anderen ein Heimatrecht verloren zu haben glaubte: verzeihlicher Irrtum, der eine immer wiederkehrende Situation für einmalig hielt und auf diese Weise verkleinerte und ihrer Allgemeingültigkeit beraubte, was dem Zeichner aus der nie rastenden Feder floß. In Wirklichkeit wohl die endlich erworbene Durch -Sicht; die Wahrnehmung der Allgegenwart von Kräften und Gegenkräften, die jeder seinem Daseinsgefühl entsprechend interpretieren muß oder blind vertrauend auf sich beruhen lassen darf. Wie sie im großen Abgesang eines vom Zeitenlaufe emporgetragenen und dann gehörig zerzausten Künstlerlebens Gestalt gewannen, bilden sie einen gewichtigen Beitrag zur Geschichte der kritischen Grafik, den wir nicht negieren dürfen.

Für Schnackenberg waren die kritischen Blätter anfangs nichts als das Mittel, die Geister zu bannen, die seinen Seelenfrieden bedrohten. Daß sich ihrer eine kleine Zahl von Freunden annahm und daß später der Simplicissimus (auch nach dem Krieg) dem einsam und unermüdlich Schaffenden ein Forum bereitete, war nicht mehr als recht und billig."
 
 
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